Ein offener Brief indigener Frauen aus dem Amazonas
- Corinna Oliveira

- 11. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Juli
Für indigene Völker ist Naturschutz nicht nur ein Wort. Die Verteidigung der Natur ist gleichzeitig die Verteidigung ihrer eigenen Existenz. Sie sind es, die an vorderster Front die industrielle Ausbeutung der Natur miterleben und die Natur aufs Schärfste verteidigen - notfalls auch unter Einsatz ihres eigenen Lebens.
Es ist ein sehr ungleicher Kampf zwischen milliardenschweren Großkonzernen und mittellosen, diskriminierten indigenen Gruppierungen. Es ist ein Kampf wie zwischen David und Goliath. Doch das ist kein Grund für die indigenen Naturschützer aufzugeben.
Der folgende offene Brief indigener Frauen aus dem Amazonas hat uns "Klimawandler" erreicht. In Absprache mit ihnen haben wir ihn auf deutsch übersetzt und teilen in tiefer Solidarität diesen Hilfeschrei mit der Welt.
Der Amazonas ist ein einzigartiges Ökosystem, das für uns alle weltweit eine immense ökologische Bedeutung hat. Am besten können wir dieses wertvolle Ökosystem schützen, indem wir uns an die Seite derjenigen stellen, die ihn nach allen Kräften vor Ort verteidigen - nämlich die ursprünglichen Bewohner des Amazonas.
BEWEGUNG INDIGENER FRAUEN DES MITTLEREN XINGU
Volta Grande do Xingu, brasilianischer Amazonas – Juni 2026
OFFENER BRIEF AN DIE WELT
An die Welt, an die Völker und an die Organisationen für Menschenrechte
Wir sind die indigenen Frauen des Mittleren Xingu. Wir sprechen im Namen der Völker Juruna (Yudjá), Arara, Xikrin, Xipaya, Curuaya sowie vieler weiterer Indigener, die an den Ufern des Xingu-Flusses im Herzen des brasilianischen Amazonas, im Bundesstaat Pará, leben. Wir sind diejenigen, die sich um unsere Kinder, unsere Nahrung, unser Wasser und um das Leben selbst kümmern. Deshalb sind wir auch die Ersten, die spüren, wenn das Leben bedroht ist. Und genau das ist heute der Fall.
Wir schreiben diesen Brief, weil wir angesichts des Vorgehens des kanadischen Unternehmens Belo Sun Mining Corp. nicht länger schweigen. Das Unternehmen will in der Volta Grande do Xingu die größte Gold-Tagebaumine Brasiliens errichten – das sogenannte „Projekt Volta Grande“. Wir haben bereits erlebt, welche Zerstörung unserem Fluss zugefügt wurde. Der Belo-Monte-Staudamm hat der Volta Grande das Wasser entzogen, Fische getötet, Familien krank gemacht und den natürlichen Wasserkreislauf zerstört, von dem wir abhängig sind. Nun soll uns eine zweite, noch größere Katastrophe aufgezwungen werden.
Wir prangern die Handlungen von Belo Sun gegen unsere Völker an:
Die Mine ist ein Projekt des Todes. Geplant ist der Aushub von Hunderten Millionen Tonnen Erdreich, der Einsatz von Zyanid sowie der Bau eines giftigen Rückhaltebeckens für Bergbauabfälle mit einem Fassungsvermögen von mehreren Dutzend Millionen Kubikmetern toxischen Schlamms – weniger als zwei Kilometer vom Xingu-Fluss entfernt. Sollte dieses Rückhaltebecken brechen, wie es in Mariana und Brumadinho geschehen ist, wäre dies das Ende des Flusses und der Völker, die von ihm leben.
Es hat niemals eine echte Konsultation gegeben. Das Übereinkommen Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das Brasilien ratifiziert hat, garantiert unser Recht auf eine vorherige, freie und informierte Konsultation. Das Unternehmen behauptet, uns konsultiert zu haben. Das ist eine Lüge. Im Dezember 2025 erklärten zehn Vereinigungen der Juruna- und Arara-Völker auf einer Versammlung, dass die angebliche Konsultation ungültig sei, und beendeten jeglichen Dialog mit dem Unternehmen. Völker wie die Xikrin wurden aus dem Verfahren schlicht ausgeschlossen aufgrund einer willkürlich gezogenen Grenze, die uns unsichtbar machen sollte.
Das Unternehmen versucht, uns zu spalten. Nachdem wir gemeinsam beschlossen hatten, Nein zu sagen, suchten Vertreter von Belo Sun einzelne Führungspersönlichkeiten in nichtöffentlichen Treffen auf, um die gemeinsam getroffene Entscheidung rückgängig zu machen. Damit missachten sie unsere Lebensweise, in der über die Zukunft unseres Territoriums gemeinschaftlich entschieden wird und nicht nach den Vorstellungen einzelner Personen.
Das Unternehmen setzt auf Angst und Gewalt. Wir haben bereits die Präsenz bewaffneter Sicherheitskräfte angezeigt, die von der Bergbaugesellschaft beauftragt wurden, ebenso wie Gerichtsverfahren und Drohungen gegen diejenigen, die den Fluss und den Wald verteidigen.
Wir bezahlen unseren Widerstand mit unseren Körpern. Über mehr als einen Monat hinweg besetzten wir den Sitz der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten (FUNAI) in Altamira. Wir schliefen in Zelten, wuschen uns im Fluss, und unsere Kinder erkrankten an Denguefieber, Fieber und Infektionen; einige mussten im Krankenhaus behandelt werden. Wir verließen unsere Dörfer - manche von uns legten Hunderte Kilometer zurück - denn wenn indigene Frauen ihre Heimat verlassen, um ihre Stimme zu erheben, dann deshalb, weil das Leben unmittelbar bedroht ist.
Wir kritisieren das Gerichtsverfahren unter der Leitung des Richters Flávio Jardim vom Regionalen Bundesgericht der 1. Region (TRF1):
Die Genehmigung für die Errichtung der Belo-Sun-Mine war durch gerichtliche Entscheidung fast neun Jahre lang ausgesetzt, eben weil die vorgeschriebene Konsultation der indigenen Völker nicht durchgeführt worden war und belastbare fachliche Studien fehlten. Im Februar 2026 hob Richter Flávio Jardim diese Schutzmaßnahme jedoch durch eine Einzelentscheidung (monokratische Entscheidung) auf und setzte die Genehmigung wieder in Kraft. Damit setzte er sich über die ablehnenden fachlichen Stellungnahmen der FUNAI sowie über die vom Bundesministerium (Ministério Público Federal – MPF) aufgezeigten offenen rechtlichen und sachlichen Fragen hinweg.
Wir weisen außerdem darauf hin, dass der Berichterstatter den Fall nicht von der zuständigen Spruchkammer über die eingelegten Rechtsmittel entscheiden ließ, sondern ihn zu einer Schlichtungsverhandlung verwies, die keine der Verfahrensparteien beantragt hatte, ohne seine vorherige Entscheidung auszusetzen. Das Bundesministerium (MPF) warf dem Richter öffentlich vor, mit diesem Vorgehen eine Entscheidung abzusichern, die das MPF als „offensichtlich rechtswidrig“ einstuft. Dadurch werde das eigentliche Urteil hinausgezögert und Zeit zugunsten des Unternehmens gewonnen. Über eine Konsultation, die niemals stattgefunden hat, kann nicht verhandelt werden. Unser Existenzrecht ist nicht verhandelbar.
Ein Gericht, das auf seiner Internetseite den Leitspruch „Gericht der Nachhaltigkeit“ führt, darf unseren Fluss nicht einer Goldmine ausliefern, ohne uns anzuhören. Die für Juni 2026 angesetzte Schlichtungsverhandlung darf nicht dazu missbraucht werden, auf unsere Kosten einen Vergleich zu erzwingen.
Deshalb fordern wir:
Die sofortige Aussetzung der Genehmigung für die Errichtung der Mine sowie sämtlicher Bauarbeiten von Belo Sun in der Volta Grande do Xingu.
Die Achtung unseres Rechts auf eine vorherige, freie und informierte Konsultation, die nach unseren eigenen Protokollen und unter Beteiligung aller betroffenen Völker durchgeführt wird - einschließlich der Xikrin sowie der Indigenen, die außerhalb der offiziell abgegrenzten indigenen Schutzgebiete leben.
Ein Ende des Drucks, der Einschüchterungen und der Versuche, unsere Gemeinschaften zu spalten.
Dass das Genehmigungsverfahren mit der gesetzlich gebotenen fachlichen Sorgfalt behandelt wird und dabei die kumulativen Auswirkungen des Belo-Monte-Staudamms und des Bergbauprojekts gemeinsam bewertet werden.
Dass die Justiz in der Sache selbst entscheidet und unser Recht nicht länger durch Verfahrensmanöver hinauszögert, die allein den Interessen des Unternehmens dienen.
An die Welt:
Wir bitten euch, auf die Volta Grande do Xingu zu schauen. Wir rufen die Völker, die Regierungen, die Kirchen, die Wissenschaft, die sozialen Bewegungen und die internationalen Menschenrechtsorganisationen zur Solidarität auf.
Das Gold, das sie hier gewinnen wollen, wird ins Ausland gebracht. Die Zerstörung aber bleibt bei uns. Das werden wir nicht akzeptieren.
Belo Sun - raus aus der Volta Grande! Der Xingu ist Leben, und unser Leben steht nicht zum Verkauf.
Bewegung Indigener Frauen des Mittleren Xingu
Volta Grande do Xingu, 24. Juni 2026



