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Indigen oder nicht - Was ist der Unterschied?

30. Aug.
4 Min. Lesezeit

Es geschah in einem Gesprächskreis mit Cacique Isaka Huni Kuin. Der junge indigene Anführer aus dem Amazonas war nach Deutschland gereist und saß im Kreis mit Menschen, die sich für den Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Leben der indigenen Völker interessierten. Für die meisten Teilnehmenden war es das erste Mal, dass sie einem indigenen Menschen begegneten. Cacique Isaka Huni Kuin war gemäß seiner Rolle als politischer Anführer und Schamane seines Dorfes gekleidet – mit traditionellem Gewand, das mit heiligen Symbolen verziert war, handgefertigtem Schmuck aus Naturgegenständen und einem imposanten Kopfschmuck aus langen Federn.


Eine besondere Atmosphäre lag im Raum. Da war er als Repräsentant der indigenen Völker Brasiliens und auch als menschlicher Vertreter des mystischen Amazonas-Regenwaldes, der Lunge unserer Welt. Und da waren wir, die Menschen aus Deutschland, die gemeinsam mit ihm in einem Kreis saßen und von Angesicht zu Angesicht miteinander sprachen. Über so viele Themen sprachen wir – über die indigene Lebensweise im Amazonas, über Umweltzerstörung, über die Beziehung zur Natur. Da stellte ein Teilnehmender die Frage: „Was unterscheidet eigentlich Indigene von Nicht-Indigenen? Ab wann gilt jemand als indigen? Wo liegt die Grenze?“


Es ist eine derjenigen Fragen, die sich oft ergeben, wenn man über die Beziehung zur Natur und die Verantwortung des Menschen darin reflektiert. Je nach Kultur und Hintergrund gibt es ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage.


Cacique Isaka Huni Kuin atmete tief aus, bevor er zu einer Antwort ansetzte. Er begann eine alte Mythe seines Volkes zu erzählen, eine uralte Geschichte aus langer Vorzeit, die über unzählige Generationen hinweg in der Kultur der Huni Kuin weitergegeben worden war. „Ich weiß, dass es euch schwerfällt zu glauben, dass all das echt passiert ist. Aber wir haben eine andere Geschichtsschreibung als ihr. Und das ist unsere Geschichte.“ Und er erzählte von einem Land vor langer, langer Zeit, in dem alle Menschen zusammen lebten. An diesem Land floss ein Fluss entlang, ein großer breiter Strom, den man nicht überqueren konnte. Da kam ein großes Krokodil – und es muss ein wirklich sehr großes Krokodil gewesen sein – und bot sich den Menschen als lebendige Brücke an. Es legte sich quer über den Fluss, von einem Ufer bis zum anderen, und erlaubte den Menschen, über es hinüber zur anderen Seite des Flusses zu laufen. Als Dankeschön verlangte es nur ein Stück Fleisch, welches die Menschen bei ihrer Passage ihm unaufgefordert zuwerfen sollten. Und so geschah es. Tagein tagaus liefen die Menschen über die Brücke des Krokodils hin und her und erhielten dadurch Zugang zum Land jenseits des Flusses. Und jedesmal warfen sie ihm als Dank ein Stück Fleisch zu, so wie es vereinbart worden war.


Lange Zeit hielt diese Brücke und diese Vereinbarung. Sie war ein Gewinn für alle.

Doch eines Tages ging ein Mensch über die Brücke und dachte sich: „Das Krokodil merkt doch eh nicht, was ich ihm da hinwerfe.“ Und statt eines Stückes Fleisch warf er dem Krokodil einen großen Stein zu. Doch das Krokodil bemerkte den Unterschied natürlich. Es war so erbost über den Bruch der Vereinbarung, dass es diesem Menschen und all seinen Nachfahren fortan verbot, über seine Brücke zu gehen. Und so wurden dieser Mensch und seine Nachfahren zu den „Steinmenschen“, und sie verloren den Zugang zu diesem besonderen Land jenseits des großen Flusses.


„Und diese Steinmenschen – das seid ihr Nicht-Indigene“, schloss Cacique Isaka Huni Kuin seine Erzählung. Stille lag im Raum. Wie so oft bei solchen alten Mythen haben diese Geschichten eine ganz besondere Wirkung auf Menschen. Jeder hat seine eigenen Gedanken dazu, die in der Stille nachhallen.


Was bei mir nachhallte, waren der Bruch der Vereinbarung und die vermeintliche Überlegenheit, dass man selbst über dem Gesetz stand. Je mehr ich über diese Geschichte nachdenke, desto deutlicher kann ich genau das als einen wesentlichen Unterschied zwischen indigenen Kulturen und unserer industrialisierten Welt erkennen: Wir glauben nicht mehr an Vereinbarungen mit der Natur. Wir glauben nicht mehr an Tabus, die nicht gebrochen werden dürfen, komme was wolle. Wir glauben nicht mehr an Sachen, die heilig sind und unantastbar.


Alles in unserer industrialisierten Welt ist antastbar geworden – selbst die Würde des Menschen, die in unserem Grundgesetz steht. Wir glauben nicht, dass es relevante Konsequenzen hat, wenn wir die Natur ausbeuten. Wir erkennen keine Verpflichtungen, unaufgefordert eine angemessene Gegenleistung anzubieten. Wir glauben, das was die Natur uns bietet, dürfen wir ohne Ausgleich nutzen. Wir glauben, für dieses vermeintliche Nutzungsrecht gibt es keine Grenzen. Wir glauben, freiwillig einen Ausgleich zu leisten sei dumm und würde einen nur benachteiligen in diesem andauernden Wettrennen, in dem wir uns befinden. Wir glauben, wer dem Krokodil echtes Fleisch hinwirft, auch wenn man es mit einem Stein täuschen könnte, sei selbst schuld, wenn er zu kurz kommt.


Besser kann man die Vorgehensweise großer Konzerne in den empfindlichen Ökosystemen unserer Welt kaum auf den Punkt bringen. Warum sollte man freiwillig aufhören, wenn man doch weiter Ressourcen scheffeln kann? Warum sollte man teilen, wenn man doch alles für sich behalten kann? Warum sollte man Tabus einhalten, wenn das Brechen davon einem doch einen Wettbewerbsvorteil verschafft?


Sei die Mythe noch so alt und so schier unglaublich für uns, als dass wir sie für wahr halten, trifft sie doch sehr genau den Punkt, der indigene Traditionen ganz wesentlich von unserer industriellen Vorgehensweise unterscheidet: der Respekt vor der Heiligkeit, vor der Unantastbarkeit, vor Tabus. Das Anerkennen, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden sollten, auch wenn uns die Auswirkungen davon aus unserer kleinen menschlichen Perspektive nicht ersichtlich sind. Das zu lernen ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg aus der Klimakrise. Nicht alles machen, nur weil man es kann. Sondern bestimmte rote Linien einfach nicht zu überschreiten, aus Respekt vor der Natur, Respekt vor den Mitmenschen, Respekt vor unseren Mitlebewesen auf diesem Planeten. Wenn wir das lernen und diesen Respekt entwickeln, bekommen wir eines Tages vielleicht wieder Zugang zu dem Land jenseits des großen Flusses – wer weiß das schon.





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